Beziehungen

1. Einführung

GemeinschaftSoziale Beziehungen bezeichnen Verbindungen zwischen Menschen, welche dadurch gekennzeichnet sind, dass diese miteinander interagieren und einen gegenseitigen Einfluss auf ihr Erleben und Verhalten ausüben. Diese können von Grund auf unterschiedlich sein. Es gibt Beziehungen freundschaftlicher, familiärer, romantischer, bekanntschaftlicher, und vieler weiterer Natur.


Der Mensch ist von Grund auf ein soziales Wesen, welches sich in einem sozialen Netzwerk wohl fühlt, da dieses in alten Zeiten nötig war um zu Überleben. Durch die damalige Abhängigkeit von Zusammenarbeit und gegenseitigem Schutz sind wir auch heute noch an das Leben in Gruppen angepasst und sehnen uns nach dem Dasein innerhalb einer Gruppe (Werth, 2020, S. 23).

Natürlich gibt es in aller Art von Beziehungen immer wieder verschiedene Herausforderungen, denen man sich stellen sollte und Konflikte, die es zu lösen gibt. Beziehungen bedeuten eine stetige Arbeit miteinander, einen guten und liebevollen Umgang zu pflegen, Verständnis zu zeigen, Kompromisse einzugehen und trotz allem sich selbst treu zu bleiben.

Quellenangaben:
Werth, L., et al. (2020). Sozialpsychologie – Der Mensch in Sozialen Beziehungen. Interpersonale und Intergruppenprozesse (2. Auflage). Springer.

2. Freundschaft

FreundschaftFreundschaften sind auf Freiwilligkeit basierende Beziehungen, die von beiden Parteien als belohnend empfunden werden (Wright, 1969). Freunde und Freundinnen sind für einen da, man fühlt sich in deren Gegenwart wohl, und hat Spaß miteinander. Im Allgemeinen führen ein größeres soziales Netzwerk sowie häufigere Sozialkontakte zu einer höheren Lebenszufriedenheit (Kawachi & Berkman, 2001; Powdthavee, 2008), unter der Voraussetzung, dass man diese Personen auch regelmäßig trifft und sich Zeit für die Freundschaftspflege nimmt (Lima et al., 2017).

Im Umkehrschluss gilt auch das Gegenteil: Negative Sozialkontakte (z.B. Menschen, die einen ausnutzen, quälen, oder verärgern) haben eine schädliche Wirkung auf das Wohlbefinden (Rook, 1984).

EinsamkeitZuallerletzt hat auch Einsamkeit negative Auswirkungen auf die mentale Gesundheit und fördert depressive Symptome, welche wiederum die Einsamkeit fördern. Wir sind einsam, wenn wir gerne mehr oder andere soziale Beziehungen hätten, als dem gerade der Fall ist.

Je nach Vorerfahrungen oder charakterlichen Eigenschaften des Einzelnen fällt es manchen auch schwer sich Freundschaften aufzubauen bzw. diese aufrecht zu erhalten, zum Beispiel aufgrund von Aggressionen, Impulsivität, Egozentrismus, sozialer Ängstlichkeit, Schüchternheit oder Zeitdruck.



Wie bilden sich Freundschaften? Welche Faktoren entscheiden mit wem ich mich anfreunde?

Grundsätzlich gilt: Man muss die andere Person sympathisch finden, sich mit ihr gut verstehen, und die Zeit miteinander genießen! Aber auch andere Aspekte spielen hinein:

  • Räumliche Nähe: Der Effekt der räumlichen Nähe, beschreibt den Umstand, dass Menschen, die sich häufiger sehen oder begegnen, sich gegenseitig sympathischer finden und öfter Freundschaften knüpfen als Menschen, die sich seltener begegnen. Auch das Kennenlernen ist erleichtert, und Vertrauen entsteht, was wiederum erneut zu Sympathie führt (Werth, 2020a, S. 30).
  • Ähnlichkeit: Wir finden andere sympathischer, wenn wir glauben, dass sie uns ähnlich sind. Dies reicht von demografischen Daten, gemeinsamen Hobbys, sich gleichenden Werten, Einstellungen, oder auch objektiv unwichtigen Merkmalen wie ein positiv besetzter Vorname. Denn uns ähnliche Menschen stellen uns nicht in Frage, sondern bestätigen uns in unseren Einstellungen, genauso wie umgekehrt. Dadurch entsteht gegenseitige Sympathie (Werth, 2020b, S. 145-146).
  • Vertrautheit: „In der Regel mögen wir das, was wir kennen“ (Zajonc et al., 1974). Allein die mehrmalige Darbietung einer Person (oder auch eines Gegenstandes) ruft ein Gefühl der Vertrautheit in uns hervor (Zajonc, 1968, 2001). Bekannte Reize lassen sich leichter wahrnehmen, da sie uns geläufiger sind; diese Leichtigkeit der Verarbeitung nehmen wir als etwas Positives auf.

Freunde in sozialen MedienSoziale Medien

Jedoch ist an diesem Punkt wichtig zu erwähnen, dass eine Flotte an Facebook-, Instagram- und Snapchat-Freunden keine bessere Gesundheit vorhersagt. Diese erfüllen nämlich nicht dieselben psychologischen Funktionen, wie Freunde, mit welchen man sich regelmäßig trifft, und können diese somit auch nicht ersetzen (Lima et al., 2017).

Quellenangaben:
Lima, M. L., Marques, S., Muiños, G., & Camilo, C. (2017). All you need is Facebook friends? Associations between online and face-to-face friendships and health. Frontiers in Psychology, 8, 68.
Kawachi, I., & Berkman, L. F. (2001). Social ties and mental health. Journal of Urban health, 78, 458-467.
Powdthavee, N. (2008). Putting a price tag on friends, relatives, and neighbours: Using surveys of life satisfaction to value social relationships. The Journal of Socio-Economics, 37(4), 1459-1480.
Rook, K. S. (1984). The negative side of social interaction: impact on psychological well-being. Journal of personality and social psychology, 46(5), 1097.
Wright, P. H. (1969). A model and a technique for studies of friendship. Journal of Experimental Social Psychology, 5(3), 295-309. Werth, L., et al. (2020a). Sozialpsychologie – Der Mensch in Sozialen Beziehungen. Interpersonale und Intergruppenprozesse (2. Auflage). Springer.
Werth, L., et al. (2020b). Sozialpsychologie – Das Individuum im sozialen Kontext. Wahrnehmen – Denken – Fühlen (2. Auflage). Springer.
Zajonc, R. B., Crandall, R., Kail Jr, R. V., & Swap, W. (1974). Effect of extreme exposure frequencies on different affective ratings of stimuli. Perceptual and motor skills, 38(2), 667-678.
Zajonc, R. B. (1968). Attitudinal effects of mere exposure. Journal of personality and social psychology, 9(2p2), 1.
Zajonc, R. B. (2001). Mere exposure: A gateway to the subliminal. Current directions in psychological science, 10(6), 224-228.

3. Psychische und physische Vorteile von Beziehungen


Psychisch:

Zeit unter Freunden macht glücklich. Menschen sind soziale Wesen, und – wie wir bereits gelernt haben – Zeit mit Menschen zu verbringen, mit denen wir uns wohl fühlen, hebt unsere Laune (Kahneman et al., 2004; Berscheid & Reis, 1998). Dazu kommt: Bereits im jungen Lebensalter stellen Freunde einen Puffer gegen Stress dar (z. B. Holtzman et al., 2017).

Physisch:

Aber auch physisch gibt es durch soziale Beziehungen einige Vorteile zu beobachten. Beispielsweise hatten Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nach fünf Jahren eine 30 Prozent höhere Überlebenschance, wenn sie in einer Partnerschaft statt allein waren (R. B. Williams et al., 1992). Aber auch die Qualität der Beziehungen spielt hier hinein. Nach dem Falle eines Herzinfarktes waren in einer Studie von den glücklich verheirateten Personen vier Jahre später 30 % verstorben, von den unglücklich verheirateten Patienten hingegen mehr als die Hälfte (Coyne et al., 2001). Und nicht nur Paarbeziehungen, sondern das gesamte soziale Netzwerk wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Der Grad der Integration beeinflusst die Sterblichkeitsrate. In einer Studie hatten schlecht integrierte erwachsene Männer eine 2,3-mal so hohe Sterblichkeitsrate, als die besser integrierten Männer. Bei den Frauen zeigte sich diese sogar als 2,8-mal höher (Berkman & Syme, 1979).

Quellenangaben:
Berkman, L. F., & Syme, S. L. (1979). Social networks, host resistance, and mortality: a nine-year follow-up study of Alameda County residents. American journal of Epidemiology, 109(2), 186-204.
Berscheid, E., & Reis, H. T. (1998). Attraction and close relationships. In D. T. Gilbert, S. T. Fiske, & G. Lindzey (Hrsg.), The handbook of social psychology (S. 193–281). New York, NY, US: McGraw-Hill.
Coyne, J. C., Rohrbaugh, M. J., Shoham, V., Sonnega, J. S., Nicklas, J. M., & Cranford, J. A. (2001). Prognostic importance of marital quality for survival of congestive heart failure. The American journal of cardiology, 88(5), 526-529.
Holtzman, S., DeClerck, D., Turcotte, K., Lisi, D., & Woodworth, M. (2017). Emotional support during times of stress: Can text messaging compete with in-person interactions?. Computers in Human Behavior, 71, 130-139.
Kahneman, D., Krueger, A. B., Schkade, D. A., Schwarz, N., & Stone, A. A. (2004). A survey method for characterizing daily life experience: The day reconstruction method. Science, 306(5702), 1776-1780.
Williams, R. B., Barefoot, J. C., Califf, R. M., Haney, T. L., Saunders, W. B., Pryor, D. B., ... & Mark, D. B. (1992). Prognostic importance of social and economic resources among medically treated patients with angiographically documented coronary artery disease. Jama, 267(4), 520-524.

4. Liebesbeziehungen

Dreieckstheorie nach SternbergEine in der Psychologie bekannte Definition ist die Dreieckstheorie der Liebe nach Robert Sternberg (1988). Diese beschreibt Liebe als ein Konstrukt, welches sich aus drei Facetten zusammensetzt: Leidenschaft, Intimität, und Commitment.

Da diese Komponenten in jeder Kombination (sowie auch einzeln) vorkommen, können daraus viele unterschiedliche „Arten“ von Liebe gebildet werden. Nicht jede Form der Liebe ist also gleich! Denn Liebe kann natürlich nicht nur in einer romantischen Beziehung auftreten. Wir lieben auch unsere Kinder, Freunde oder Eltern. Einige widmen ihre Liebe auch Gott, einem Ort, oder einem Hobby. Hier wird klar für wie viele unterschiedliche Gefühle der Nähe, Zuneigung und Leidenschaft wir dasselbe Wort verwenden.

  • Leidenschaft bezeichnet die körperliche Anziehung und den sexuellen Antrieb.
  • Intimität beschreibt das Gefühl der Nähe und der positiven Verbundenheit zum Gegenüber (z.B.: Verständnis, gute Kommunikation, emotionale Anteilnahme, Gemeinsamkeiten, ähnliche Werte).
  • Commitment bezeichnet auf kurze Sicht die Entscheidung, dass man jemanden liebt, und auf lange Sicht die Entschlossenheit dafür die Beziehung aufrechtzuerhalten. Dieser Punkt steht in enger Beziehung mit der emotionalen Bindung und der Treue zum Partner/zur Partnerin.

LiebesbeziehungEine Partnerschaft von den klassischen Facetten der Liebe, sowie durch unbestreitbare Unterstützung ausgezeichnet, und kann – sofern sie nicht beendet wird – ein Leben lang andauern. Der Partner soll einen sicheren Hafen darstellen; für Gewalt oder Ausnutzung gibt es in einer gesunden Beziehung keinen Platz und Raum. Grundsätzlich nimmt die Beziehungszufriedenheit im Durchschnitt mit den Jahren zwar ab – am Anfang relativ schnell, mit der Zeit immer langsamer (Kurdek 1999, 2005) – aufgrund von abnehmender Leidenschaft, Konflikten und Alltagsproblemen. Dennoch sind Personen in Partnerschaften im Schnitt glücklicher als Singles (Zimmermann & Easterlin, 2006).

Quellenangaben:
Sternberg, R. J. (1986). A triangular theory of love. Psychological review, 93(2), 119.
Kurdek, L. A. (1999). The nature and predictors of the trajectory of change in marital quality for husbands and wives over the first 10 years of marriage. Developmental psychology, 35(5), 1283.
Kurdek, L. A. (2005). Gender and marital satisfaction early in marriage: A growth curve approach. Journal of marriage and family, 67(1), 68-84.
Zimmermann, A. C., & Easterlin, R. A. (2006). Happily ever after? Cohabitation, marriage, divorce, and happiness in Germany. Population and development review, 511-528.

5. Konflikte

KonflikteZu Konflikten kommt es in jeder Beziehung. Ob es um Kleinigkeiten geht, wie der offene Orangensaft oder die herumliegenden Socken, oder auch um größere Krisen, die sich oft aufgestaut haben und zu Frustrationen führen, im Laufe der Zeit lassen sich das Aufkommen solcher negativen Erlebnisse leider nicht vermeiden.




Konflikteskalation Friedrich GlaslGründe für Konflikte in Partnerschaften können unter anderen sein: Häufungen vergangener Unzufriedenheiten, unvereinbare Bedürfnisse, wenig Verständnis und emotionale Anteilnahme, mangelnde Kommunikation, Aggressionen und Gewalt, Eifersucht, Bindungsproblematiken, Suchtprobleme, Überforderungen, psychische Belastungen, nur um ein paar Möglichkeiten aufzuzählen. Aber man kann den negativen Konsequenzen vorbeugen, indem man Strategien der Emotionsregulation anwendet.

Die Strategien der Emotionsregulation (mit der Verwendung des Beispiels, dass des Partners Socken immerzu auf dem Badezimmerboden liegen):

  • Situationsausblendung: Ich schließe die Tür oder bewege mich so durch das Haus, dass ich nicht am Badezimmer und den darin streunenden Socken vorbeikomme.
  • Situationsveränderung: Ich schiebe die Socken ein wenig zur Seite, so dass ich die beim Vorbeigehen nicht mehr sehen muss.
  • Aufmerksamkeitssteuerung: Ich vermeide es bewusst dorthin zu schauen, wo die Socken liegen, oder konzentriere mich beim Passieren des Badezimmers aktiv auf andere Details.
  • Kognitive Veränderung: Das Verhalten des Partners anders begründen. Anstatt die Schuld beim Partner zu suchen („Er/Sie ist so unordentlich!“) kann man auch in Erwägung ziehen, dass es eventuell externe Gründe gibt, die diese Gewohnheiten des Partners ans Licht führen („Er/Sie hat es in der Früh immer eilig, um den Zug zur Arbeit zu erwischen.“) (Werth, 2020, S. 59-60)

Quellenangaben:
Gross, J. J. (1998). Antecedent-and response-focused emotion regulation: divergent consequences for experience, expression, and physiology. Journal of personality and social psychology, 74(1), 224.
Werth, L., et al. (2020). Sozialpsychologie – Der Mensch in Sozialen Beziehungen. Interpersonale und Intergruppenprozesse (2. Auflage). Springer.

6. Psychologische Behandlung

PaartherapieDie meisten, die eine Paartherapie aufsuchen, gehen diesen Schritt, um eine neutrale Meinung einzuholen, aufgrund eines Konfliktes, den sie ohne externe Hilfe nicht lösen können, oder bereits sogar vorbeugend um Schwierigkeiten, die man in der nahen Zukunft kommen sieht oder bereits mehrmals erlebt hat, beheben zu können. Der Psychologe oder Therapeut ist dafür da, um mit Hilfe einer professionellen Herangehensweise (therapeutische Gesprächstechniken, Figuren, Plakate, Moderationsmethoden) den Weg zur Lösung bereit zu legen und Paaren zu helfen diesen selbst zu begehen. In einer Paartherapie nimmt der Psychologe oder Therapeut eine neutrale Haltung ein und wählt keine Seite – er ist unparteiisch, kein Schiedsrichter oder Mediator (für diese Fälle gibt es eigene Spezialisten). Man könnte sagen: Der Klient des Psychologen oder Therapeuten ist die Beziehung. Darauf aufbauend wird der Psychotherapeut auch nie versuchen ein Paar zu trennen, diese Entscheidung bleibt immer beim Paar.

Man kann natürlich aus variablen Gründen auch allein ein Beziehungstraining machen – entweder weil man ein Single ist oder beispielsweise auch, weil der Partner nicht zu einer Paartherapie bereit ist. Einzelsitzungen sind auch dann zu empfehlen, wenn man noch nicht bereit ist die besprochenen Themen mit dem Partner zu teilen oder das Problem in den eigenen Mustern und Verhaltensweisen sieht.

Von einer Paartherapie profitiert jeder, der willig ist sich Unterstützen zu lassen und für neue Perspektiven offen ist. Aber auch vor einem großen Konflikt – wenn es also noch gar nichts „zu reparieren“ gibt – ernten Paare Vorteile. Die richtigen Mittel zu kennen, um einen Konflikt zu entschärfen, korreliert nämlich auch in Zukunft mit einem höheren Maß an Engagement und Zufriedenheit in der Ehe (A. J. Hawkins et al., 2008; Stanley et al., 2006).

Quellenangaben:
Hawkins, A. J., Blanchard, V. L., Baldwin, S. A., & Fawcett, E. B. (2008). Does marriage and relationship education work? A meta-analytic study. Journal of consulting and clinical psychology, 76(5), 723.
Stanley, S. M., Rhoades, G. K., & Markman, H. J. (2006). Sliding versus deciding: Inertia and the premarital cohabitation effect. Family relations, 55(4), 499-509.